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'S A T I V A'
Mein vibrierendes Glück.


Durch die kleine Halle geht's mit Donnergebr?ll, bis ich auf der
Plattform des Bahnsteiges zum Stehen komme. Menschen rennen und
springen, als sei ich ein Alien. Ich wei? nur, dass ich mich im
Frauenwarteraum verbarrikadieren muss, da hinein sause ich voller
Panik.
Erst hier kommt der kochende Vierzylinder knisternd zur Ruhe,
inmitten von kreischenden Frauen und Kindern. "Sorry, too much!" -
versuche ich, aus mir rauszuquetschen, da kommt nicht viel. Es h?tte
auch nichts geholfen - der Raum ist l?ngst wie leer gefegt. Nur ihre
Kisten und K?sten, das Gep?ck, war noch da und der ganze Mief.
Sofort verriegele ich die T?r und denke nach. Hier sitze ich in der
Falle, nein, hier muss ich raus. In einem St?ck Spiegelglas an der
Wand erschrecke ich ganz f?rchterlich. Meine linke Gesichtsh?lfte ist
ein einziges Blutgeschmiere. In Eile braucht das einen Arzt, aus der
klaffenden Stirnwunde sickert unaufh?rlich Blut. Nur, jetzt ist alles
sch?n mit Fliegen- und Nachtfalterleichen vermischt.
Aus meinem Verbandskasten hole ich eilig eine Hansaplast-Rolle
heraus. Zum Gl?ck l?sst sich das Zeug mit den Z?hnen einrei?en und
es gelingt mir, die klaffende Wunde ein wenig zusammen zu kleben.
Somit h?ngen fletschende Hautfetzen nicht mehr ?ber das linke Auge
herab. Ein St?ck Lippe h?ngt noch runter in einem tiefen Schnitt zum
Kinn. Noch mehr h?ngt das Zeug in den Haaren - egal, gleich sieht es
besser aus. Ein Tuch kann ich nicht binden - daf?r m?sste der Helm ja
ab.

Der klebt ?berall mit dem Blut an Hirn und Haaren, alleine ist das ein
schwieriges Unterfangen. Dazu ist jetzt keine Zeit. Schon h?mmert
der Bahnhofsvorsteher an die T?r und auch er schrickt zusammen,
?hnlich der vorher geflohenen Weiber, als ich ?ffne. Er schaut in eine
angstverzerrte Fratze, verklebt wie ein Spinnennetz mit wei?em
Pflaster.

Sogleich blubbere ich v?llig aufgeweicht, mein bisschen Rest von
denkf?higem Hirn in Grund und Boden. Der versteht nur "Bahnhof",
denke ich mal, aber sehen kann er viel: "Das Motorrad - ah, Sie hatten
einen schweren Unfall? Hier im Staate Mysore, unglaublich - und
dann sind sie hier?" Wie einen Geist starrt er mich an. "Das Sie noch
leben - die Sie am Leben lie?en, das ist ein Wunder, ja, ein wahres
Mirakel f?r mich!" Und h?ngt jetzt noch mit lauter Stimme dran: "Sie
m?ssen von hier verschwinden, jetzt sofort and now!"

Er kl?fft ein paar Kommandos auf Hindi in Richtung Bahnsteig, schon
rasen blaue und rote Hemden von Gep?cktr?gern herbei. So einen
Luxus habe ich mir nicht mal in Indien-Meysore, noch nie erlaubt. Ein
Turbanwala kommt angerannt und gibt Rapport: Lynchende Horden
seien im Anmarsch, sie w?ssten wohl, da? ich hier drin sei. Gleich
w?rde wohl der Bahnhof hier in Flammen aufgehen, g?be er mich
dann nicht heraus.

Ich sage immer wieder "Changs, changs!" - meine aber thanks. Ein
Wort versteht er aber noch ganz klar: Panjim in Goa, da habe ich Hilfe
- Freunde. "Ah, Panjim, Panjim!" W?hrend mich die bunten Hemden
eilig den Bahnsteig entlang schieben, rennt der Superintendant hinter
mir her. Gerade Mal, dass ich steuern kann, so schnell geht alles. Ich
h?re ihn von der Polizei schnattern - die w?re dann immer weit weg
und keine Hilfe in Meysore, viel zu viel Schiss vor dem Mob, sie
verstehen!

Inzwischen sind wir am Ende des Bahnsteigs angekommen - ein Zug
ist nicht zu sehen. Ich muss die rennend geschobene 'Sativa' jetzt
abrupt bremsen. Schon heben mich unz?hlige H?nde behutsam samt
Bike vom Bahnsteig herunter. Wie ein toter K?fer von einem
Ameisenkn?uel verschleppt wird, geht es ?ber viele Gleise, v?llig
ausgeliefert bin ich denen. Sie hoppeln ?ber Seilz?ge und Barrieren.
Nichts ist un?berwindbar mit so vielen tragenden H?nden.

Was ist da auf der Landstra?e schief gelaufen? Warum half dort keiner
dem schwer verwundeten Mann? Nun sehe ich einen G?terwagen auf
uns zurollen - neben uns bleibt er stehen. Sie ziehen, heben, puschen
mich hinein, das ist einfach, aber wie sie die 250 Kilo 'Sativa', noch
dampfend hei? an ihren vier Auspuffrohren hinter mir in die H?he
hieven, ist ein Zauberding. Ein Vorsprecher gibt Kommandos wie
"Hau-Ruck, schiebt an!" - und die Tr?germasse antwortet im Refrain:
"Hau-Ruck, und angeschoben!" Bei jedem Mal ging es ein St?ck
h?her - als ob auch so die Pyramiden entstanden seien.
"Puff, puff," die Lok zieht schon an, gerade noch kann ich mich
hinsetzen und uns festhalten, die 'Sativa' und mich. Noch im
Anfahren laufen Helfer nebenher, reichen noch eine Wasserkanne und
eine Petroleumfunzel herein. "Krach!" - die schwere Schiebet?r ist
nun zu. Alleine und gefangen, was haben die mit mir vor? Der
Waggon hat mit einem "Rumms" angehalten. Stehen sie etwa schon
auf den Schienen, mit Fackeln, um mich anzuz?nden? Grausame
Erinnerungen aus dem Jahre `67 werden in mir wach, wo ich hilflos
miterleben musste, wie sechs englische Touristen in ihrem
Campingbus verbrannten. Vom Mob angez?ndet in Lahore, des
Kaschmirkonfliktes wegen.

"Ruck!" - es zieht mich mit brachialer Gewalt in die andere Richtung.
'Sativa' f?ngt fast an zu rollen. Mit der Kette kann ich sie gerade noch
an der Wand sichern, w?hrend es im Affenzahn aus der Stadt rattert.
Tats?chlich retten diese guten Menschen mein kl?gliches Leben, mich
armen Hund. Jetzt kippe ich Wasser von hinten in meinen Helm,
schaue dabei nach oben an die Decke. Das weicht das Verklebte
langsam auf. Vorsichtig, nur kein Wasser in die Wunde und an die
Pflaster. Es dauert, aber irgendwie bekomme ich den Helm vom Kopf.
Ein paar Haarb?schel m?ssen mit dem Taschenmesser dran glauben.
Bald brennt die Wunde, voll mit "Chromoxyd". Nur blo? nichts
infizieren und zum Schluss noch an Wundfieber sterben. Soviel hatte
mich das Reisen schon Rumdoktoren lassen, mir fallen dazu die
tollsten Sachen ein.

Das Petroleumlicht brennt schwach, aber genug zum Sehen. Ein
Lungituch ist gleich in Streifen geschnitten, nein, gerissen. Nur am
Saum muss das Messer helfen. Vorsichtig wickele ich mir einen
Turban, wie ich das in Afghanistan gelernt habe. Der letzte Streifen,
quer ?ber das linke Auge, macht mich endg?ltig zu einem Piraten. Das
Tuch soll die Wunde zuhalten - n?hen kann ich sie nicht selbst, hier in
dem Rappelzug ist das unm?glich. So kehrt wenigstens innere Ruhe
ein, und die ganze Nacht habe ich Zeit zum Fluchen, auch zum
Weinen.



Spannend geht es weiter im Buch ...

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