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Kapitel 2 - Die Seemannschaft.
 
Erst einmal zwinge ich mich, Suppe kochen zu gehen, weit komme ich nicht. Unten im Salon stehe ich kn?cheltief im Wasser.
"Wir sinken!" -
schie?t es mir durch den Kopf. Panikstimmung macht sich
breit. Wie soll das weitergehen? Schon wieder schiele ich zur Knarre. Ich muss das Leck in der
Bootsh?lle finden, in Blitzeseile, bevor es zu sp?t ist.

Das Wasser ist glitschig-braun und es f?ngt gleich an, in meinen Augen zu brennen. Das ist kein
Wasser - eher ein Dieselleck in einem der Haupttanks, gleich suche ich. Im Motorraum dr?hnt der
Drei-Zylinder-Yanmar. Die ?lwanne taucht bereits in die sich kr?uselnd schwappende Dieselpampe.
Und es stinkt so, als s??e ich in dem Tank und nicht drau?en. Die Gasbildung ist tr?nentriefend, mir
wird sofort schwummrig vor den Augen. Mit einer gewaltigen Kraftanstrengung klettere ich den
Niedergang empor - wieder raus in das Cockpit und japse nach Frischluft.

Zu dem W?rgen gesellt sich ein Hustenanfall - Schwei? steht mir in den Augenh?hlen. Schnelle Windb?en scheinen mir den
Sauerstoff zu rauben, ihn regelrecht wegzublasen.

Was kann mich retten? Der auslaufende Diesel wird mir bald fehlen, nicht einmal zur?ck zur
australischen K?ste kann ich dann kommen. Das Schmuddelwetter bliese mich s?dlich an Tasmanien
vorbei, gleich runter zum S?dpol.
Dann doch lieber segeln lernen, wenngleich, viel Zeit bleibt mir nicht!
Mit schweren Gliedern raffe ich mich auf, zuerst muss ich das Dieselleck Schlie?en. Ungest?m st?lpe
ich mir meine Taucherbrille ?ber, um die Augen vor den Brennstoffgasen zu sch?tzen und krieche
erneut in den Motorraum. Nach kurzen Suchen finde ich das Problem.

Die Mechaniker, die den Motor
eingebaut hatten, hatten vergessen, den dritten im Kiel integrierten Tank mit den anderen Tanks zu
verbinden. Im ruhigen Hafenbecken war das nicht aufgefallen, da konnte nichts auslaufen, aber hier in
diesem Geschlinger - ich sch?tze den Verlust auf mindestens 200 Liter. Wie will ich so die 1400
Seemeilen bew?ltigen, bis Honiara, Hauptstadt der Salomonen? Endlich, das Leck ist dicht! Der mit
Bilgewasser vermixte Kraftstoff ist nicht mehr verwertbar, ich setze die Pumpen in Gang. Nur kurz,
dann gehen die Batterien in die Knie. Anstatt der 12 Volt zeigt das Strommessger?t nur noch 9 Volt,
die Lichtmaschine scheint nicht zu laden. Aus einem kleinen Hass erw?chst ein gro?er, der Boots-
Elektriker in der Marina hatte mir viel Geld abgekn?pft.
Am Samstag mittag wollte er p?nktlich
Feierabend machen und betrog mich. ?Alles durchgemessen - works fine?, hatte er gelogen. Lediglich
das Ampere-Meter sei im Eimer, auf das k?nne ich aber leicht verzichten, hatte er noch im
Davonpesen gerufen und nun war es genau umgekehrt. Zum Gl?ck hatte ich vier Solar-Panele
installiert, die Strom erzeugten. Wenn die Sonne scheint. In diesen grauen Wolkentagen laden sie mit
geringer Kapazit?t. Immerhin, ich kann schon wieder fluchen, mir scheint es besser zu gehen, auch
ohne Ersatz-Lichtmaschine. Und wenn nicht mit der Pumpe, dann eben mit dem Eimer, gleich mache
ich mich an die Arbeit. Zwischendurch hei?t es immer wieder auftauchen, um frische Luft zu
schnappen. Allm?hlich gelingt es so, das Boot trocken zu sch?pfen. Ein ganz beschissener Job, das
Diesel?l l?uft ?ber mich, ver?tzt mir Haut und Augen. Der Tankstellengeruch wird noch lange bleiben,
wenngleich ich die Segel-Yacht durchl?fte, so gut ich kann.
Endlich koche ich Suppe. Nur etwas Hei?es kann mich wieder zu Kr?ften bringen. Im Dampftopf geht
das K?cheln ganz gut. Zum Essen muss ich mich allerdings zwingen und dann zum Studieren. Ein
durchblickender Freund hat mir ein deutsches Fachbuch mitgegeben: ?Die Seemannschaft?. Da steht
so ziemlich alles drin, was ein Hochseesegler wissen sollte. Nun habe ich ja Zeit. Aufmerksam lese ich
bis sp?t in die Nacht. Irgendwann versuche ich zu schlafen. Immer wieder schrecke ich auf um
frustriert in Richtung Byron Bay zu starren, das Leuchtfeuer will einfach nicht erl?schen. Durch
Motoren alleine komme ich nicht vom Fleck, verbrenne nur kostbaren Sprit. Bei Tagesanbruch
versuche ich erstmals, gelernte Theorie ins Praktische umzusetzen: Das ?Gro?? wird gesetzt, brav
steuert der Auto-Pilot den Bug in den Wind. Schnell noch das ?Besansegel? hoch. Wild schl?gt das
Segeltuch, bis ich 45 Grad vom Honiara-Kurs abfalle. In Richtung Neu-Kalidonien stehen die Segel
steif wie mein Herz. ?New Caledonia? ist franz?sische Kolonie, da will ich keineswegs hin, alle
Inselstaaten mit ?Interpolanschlu?? gilt es zu vermeiden! Aber zum ersten mal liegt die ?Restless? satt
drin, das Willk?rschleudern komprimiert zu stetigem Auf- und Abtauchen, von Wellenberg zu
Wellenberg. 4.5 Knoten, wir laufen wie die Feuerwehr. Bald kommt die australische K?ste au?er
Sicht, ich mache Fortschritte und Ordnung im Schiff.
Drei Tage sp?ter, ich segele inzwischen in H?he des ?Great Barrier Reefs?, 60 Seemeilen Offshore,
packen kr?ftige Winde zu. Aber ich habe das zweite Kapitel ?Seemannschaft? dazu gelernt: Das reffen
des Gro?segels und das Auswechseln der Gro?fock gegen die Kleine. Nat?rlich komme ich
durcheinander, weil auf der ?Restless? alles in Englisch funktioniert. Da hei?t die Besegelung: ?Main?,
?Jib? oder ?Genoa?. An Hand kleiner Windfahnen, beidseitig des Segeltuches platziert, lerne ich das
?trimmen?. Beide Windf?hnchen dicht am Segel anliegend bedeuten optimal im Wind zu stehen.
Immer noch seekrank, zwinge ich mich nun regelm??ig zu trinken. Nur in Winzschlucken kann ich
Fl?ssigkeit bei mir behalten. Mit dem Essen geht?s ebenso. Viel Obst und Gem?se ist inzwischen
vergammelt, ?ber Bord damit, bevor es stinkt. Im Logbuch verzeichne ich den 13. April ?89 - ich mit
meiner 13! Die ?Action? l?sst nicht lange auf sich warten. Ein Solar-Panel hat sich einseitig an den
Wanten gel?st, schlingert gef?hrlich um den Mast herum. Die Solarzellen sind sensibel, aber
lebenswichtig f?r mich. Um es wieder anzuschrauben, bedarf es erst einmal ein Sicherheitsgeschirr
(Harnes) anzulegen, falls ich abschmiere. Auf der Reling balancierend, halb in den Wanten h?ngend,
gelingt es mit nur m?hsam, das Panel waagerecht zu halten. Das Anschrauben in diesem wilden
Meeresgebaren ist reine Geduldssache, mehrere Schr?ubchen glitschen mir aus steifen Fingern - ?ber
Bord. Zum Gl?ck habe ich Ersatz dabei, in allen Gr??en. Selbst meine Zunge muss mithelfen, bis es endlich gelingt. Nun seefester wei? ich, es ist zu schaffen, ich habe das Boot unter Kontrolle.


Spannend geht es weiter im Buch ...

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